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Grußwort beim Stiftungsfest des
Pädagogisch-Kulturellen Centrum
Ehemalige Synagoge Freudental
am 18. Januar 2009


Verehrte, liebe Mitglieder, Freunde und Freundinnen des Pädagogisch-Kulturellen Centrums, namentlich werte Gäste jedweder Würde und Ehre – ich begrüße Sie herzlich in der ehemaligen Synagoge zu unserem diesjährigen Stiftungsfest.

Wieder war der Andrang weit größer als der zur Verfügung stehende Raum. Fühlen Sie sich also privilegiert und seien Sie gespannt auf das Programm, das uns heute erwartet.

Eine Anekdote zu Beginn – aus Ezra Ben Gershoms Buch „Der Esel des Propheten“.
Ein israelisches Ehepaar nahm seinen elfjährigen Sohn mit auf einer Tour nach Europa. In Italien fragte der Junge: „Sind diese Leute Juden?“ „Nein“, erwiderte sein Vater, „das sind Christen.“
In Frankreich fragte er wieder: „Sind diese Leute Juden?“ „Nein, das sind Christen.“
Der Junge fragte dieselbe Frage und erhielt dieselbe Antwort – in Holland, Dänemark und in Schweden. Da bemerkte er mit aufrichtigem Mitgefühl: “Was für ein furchtbares Los die haben!... Es muss doch schrecklich sein für die armen Christen, in der ganzen Welt verstreut zu sein.“

Wir lächeln über den israelischen Jungen, über seine eingegrenzte Perspektive. Aber nicht darüber will ich jetzt reden.
Vielmehr kann uns die kleine Geschichte etwas Wichtiges lehren – nämlich den Wert der Empathie, der Einfühlung in die Situation anderer. „Mit aufrichtigem Mitgefühl“, heißt es, machte der Junge seine Bemerkung. Es kommt eben nicht in erster Linie darauf an, wie viel oder wie wenig einer weiß; auch nicht, ob einer Recht hat oder nicht; und selbst darauf kommt es nicht in erster Linie an, ob man ein Recht auf etwas hat – ein Recht auf Land; ein Recht auf Selbstbestimmung, auf Verteidigung, auf Gewalt.

Viel zu wissen ist gut; Recht zu haben ist schön; sich für das Recht einzusetzen, vor allem für das Recht anderer, ist wichtig. Aber worauf es im Nahen Osten in diesen Kriegswochen und danach vor allem ankommen wird, ist Einfühlungsvermögen, Empathie. Ohne gegenseitiges Verständnis gibt es für Israel und Palästina keine friedliche Zukunft.
Weil das Wort „Mitleid“ ihr zu blass und zu abgegriffen erschien, hat Hilde Domin ein eigenes Wort für Empathie geprägt. Sie redet vom Mit-Schmerz. Das ist kein schwächliches Wort und keine schwächliche Sache. Man muss stark sein, um den Schmerz eines anderen auszuhalten.

Amos Oz, einer von unseren wichtigen Gästen hier in der Synagoge, hat im Dezember in Düsseldorf den Heinrich-Heine-Preis erhalten. In seiner Dankrede zitierte er Heine, der den Intellektuellen seiner Zeit, die von einer großen kreativen west-östlichen Verbindung träumten, gesagt hat: „um am Scheideweg zagend stehen zu bleiben, dazu seyd ihr zu schwach“. Amos Oz hält dagegen: „Am Scheideweg zu stehen verlangt mehr Stärke als man besitzt. Und ich wage zu sagen: Der Scheideweg ist der einzige Ort, an dem ich zu Hause bin, wo ich hin gehöre.“
Das war am 13. Dezember. Zwei Wochen später stand der Friedensarbeiter Amos Oz an einem solchen Scheideweg. Er musste Stellung beziehen zu Israels Verteidigungsangriff gegen die Hamas. Er tat es deutlich, für manche schmerzhaft deutlich, indem er sagte: „Der Staat Israel ist verpflichtet, seine Bürger zu verteidigen.“

Wenige Tage später stand Amos Oz wieder an einem Scheideweg. Zusammen mit David Grossman und A.B. Jehoshua trat er öffentlich für eine umgehende Waffenruhe ein. David Grossman ging sogar so weit, in Richtung der Hamas zu sagen: “... auch wenn ihr auf Israel schießt, wir werden die Zähne zusammenbeißen und nicht zurückschlagen.“ Und von A.B. Jehoshua wird ein Satz voller Empathie berichtet: „Wir sind doch immer noch Nachbarn!“

Auch wir, obschon fern vom Ort des Geschehens, fühlen uns manchmal wie an einem Scheideweg: unsere Diskussionen und unsere Positionen werden nachdenklicher und leiser, manchmal auch heftiger und lauter. Aber so oft schon haben uns unsere Gäste im PKC geholfen, uns in beide Seiten hineinzudenken und den Dialog fortzusetzen.

Beim heutigen Stiftungsfest sind drei der schönen Künste bei uns zu Gast – die Musik, die bildende Kunst und die Literatur – alle drei sind starke Helfer wenn es darum geht, sich in Ungewohntes, zunächst Befremdliches hineinzudenken. So begrüßen wir sehr herzlich Babette Dorn, die international gefeierte Pianistin mit ganz besonderer Prägung, Rudolf Kurz, den bekannten bildhaften Gestalter, der uns auf seine eigene Weise eine Tür öffnen wird und Karl-Josef Kuschel, Professor für Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Tübingen.

„Die Flammenschrift an der Wand“ – das Thema lässt aufhorchen in einer Zeit, wo wir immer noch hüben und drüben die Flammenschrift der Kassam-Raketen und der Phosphorbomben vor Augen haben und die schwarzen Rauchwolken über den Flammen. Gibt es da einen Zusammenhang, eine Botschaft? Wir werden sehen.

Ein Wort noch zu uns – zum PKC. Ich bin froh, Ihnen sagen zu können, dass wir auf gutem Wege sind, den finanziellen Engpass, der uns in den letzten Jahren sehr zu schaffen machte, vollends zu überwinden. Es ist Ihnen, den Mitgliedern und Freunden, den Förderern, Befürwortern und Fundraisern zu verdanken, dass das PKC seine Arbeit fortsetzen und neue Projekte in Angriff nehmen konnte - trotz des erheblichen Drucks, der auf dem Geschäftsleiter und dem Vorstand lastete. Gerade auch die nach außen weniger sichtbaren Dinge gingen weiter – z.B. die ca. 70 Lerntage im Jahr für Lehrer und Schüler, für Auszubildende und Studierende. Sorge bereitet uns im Augenblick noch das Sekretariat, nachdem Isolde Siegers im September eine neue Aufgabe übernommen hat. Ihr großes Engagement und die hohe Kompetenz, mit der sie im PKC gearbeitet hat, hinterlässt eine Lücke, die wir noch nicht dauerhaft schließen konnten. Das ist eine zusätzliche Belastung für unsern Geschäftsleiter Ludwig Bez, dem an dieser Stelle ausdrücklich zu danken ist für seine unermüdliche Arbeit und seine immer neuen Ideen.

Soviel zum PKC.
Schließen möchte ich mit einer Begebenheit, die Helmut Gollwitzer, der evangelische Theologe erzählt. Gollwitzer machte im Jahr 1963 eine Reise in den Libanon, nach Jordanien und Israel, ein Grenzgänger zwischen allen Fronten. Er berichtet, immer wieder habe er seine palästinensischen Gesprächspartner gefragt, welche Botschaft er mitnehmen solle, wenn er am Mandelbaumtor in Jerusalem wieder über die Grenze nach Israel ginge. Da habe ihm eine wunderbare alte arabische Mutter, selber Flüchtling aus Jaffa, geantwortet: „Sagen Sie ihnen, es geht uns hier gut und es soll ihnen drüben gut gehen, und uns beide, hüben und drüben, wolle Gott beschützen.“

Lassen Sie uns von solcher Empathie auch künftig lernen. Ich danke Ihnen.

Dorothea Margenfeld
1.Vorsitzende des PKC




© 2009 beim P.K.C. Freudental e.V., Strombergstraße 19, 74392 Freudental