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Inszenierter Antisemitismus: Eine Politik der Zeichen
Anmerkungen zur Verwüstung des jüdischen Friedhofs von Freudental am 1. Oktober 2007
Von Steffen Pross
I
Die Achtung der Totenruhe gehört zum humanitären Kernbestand der europäischen Kultur, sie ist jüdisch-christliches ebenso wie griechisch-römisches Erbe. Deshalb greift jeder, der ein Grab angreift, die Lebensgrundlagen unserer Zivilisation an, was – neben der dadurch aufgerührten Todesfurcht – die Abscheu erklärt, mit der wir auf die Schändung von Friedhöfen reagieren. Nun sind diese aber nicht einfach Schädelstätten, an denen wir die Gebeine der Toten bergen. Sie sind auch Erinnerungsorte. Wer einen Friedhof angreift, greift neben der Totenruhe die Erinnerungskultur der (Über-) Lebenden an, und das erst recht, wenn er einen jüdischen Friedhof in Deutschland angreift. Denn einerlei, in welchem Maße die Täter sich darüber Rechenschaft ablegen oder nicht, einerlei, ob ihre Motive manifest antisemitisch sind oder ob ein vermeintlich ideologiefreies Rowdytum waltet, wie die Polizei es oft annimmt, wenn einschlägige Spuren wie Hakenkreuz oder SS-Zeichen am Tatort fehlen: Jede Schändung eines jüdischen Friedhofs enthält eine Botschaft an diese deutsche Demokratie, deren Seinsgrund auch Millionen unbehauster Toter sind: Paul Celans „Grab in den Lüften“. Die Verwüstung des jüdischen Friedhofs von Freudental am Abend des 1. Oktober 2007 aber will mehr als nur Empörung, Ekel und Entsetzen provozieren. In ihrer schreienden Zeichenhaftigkeit setzt sie eine brutale Inszenierung des antisemitischen Codes an die Stelle der Symbole unserer humanitären und politischen Kultur: Diese Schändung ist der Versuch einer symbolischen Okkupation.
II
Jüdische Friedhöfe müssen gezielt aufgesucht werden, sie liegen, sofern ihre Standorte noch nicht vollständig verstädtert sind, außerhalb geschlossener Ortslagen. Historisch arbeiteten dabei Religionsgesetz und Ausgrenzung Hand in Hand, das kriminologisch banale Ergebnis ist: Jüdische Friedhöfe sind nicht nur symbolisch, sondern schon von ihrer Lage her für antisemitische Aktionen besonders anfällig. Dabei kommen sie uns doch so romantisch, ja so deutsch vor. Am Waldrand gelegen, mit einem Mäuerchen umgeben, bisweilen von einem Bächlein durchflossen – Sonnenstrahlen brechen durch den Tann und fallen auf verwitternden, im Boden versinkenden Sandstein. Anheimelnder, als die Friedhöfe der schwäbischen und fränkischen Judendörfer anmuten, könnte kein Caspar David Friedrich eine Ruinenlandschaft gemalt, könnte kein Eduard Mörike einen Gottesacker besungen haben.
Für die jüdischen Landgemeinden, die ihre Blüte im 19. Jahrhundert erlebten, muss die Abgeschiedenheit ihrer Friedhöfe eine andere Bedeutung gehabt haben. Das Bet Hachajim, das Haus beider Leben, lag fern jenes dörflichen Alltags, in den die Juden immer selbstverständlicher hineinwuchsen. Egal, ob man diesen Prozess als Emanzipation oder Assimilation beschreibt: Die Friedhöfe wenden sich nicht an die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft, sie sind Erinnerungsorte, die nach innen, zur jüdischen Gemeinschaft sprechen. Und doch sind diese Friedhöfe Ausdruck von Emanzipation und Assimilation.
Betrachten wir das Beispiel Freudental. Die ältesten Grabsteine auf dem 1811 angelegten Friedhof weisen noch in die Zeit vor der Aufklärung zurück, knüpfen an barocke Vorbilder an, wie wir sie von den alten Judenfriedhöfen in Worms oder Prag kennen. Es handelt sich um einfache, an der Oberkante als Bogen ausgebildete oder von Giebeln bekrönte Sandsteinplatten mit vertieftem Schriftfeld. Die Inschriften sind hebräisch und folgen dem rhetorischen Kanon, Allegorien wie die segnenden Hände der Kohanim, die Levitenkanne, der Schofar, das Beschneider- und das Schächtermesser weisen zusätzlich auf die Stellung des Verstorbenen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft hin. Die von anderen jüdischen Friedhöfen bekannten, heraldischen Tiere wie Löwe, Bär oder Hirsch, die den ins Deutsche übertragenen Rufnamen symbolisieren, fehlen.
Stattdessen taucht 1815 der erste Grabstein auf, dessen Rückseite eine kurze, deutsche Inschrift trägt. Immer mehr Grabsteine passen sich danach dem Geschmack der nichtjüdischen Welt an, die einfachen Steinplatten werden von Obelisken und Säulen abgelöst, zum Sandstein gesellt sich Granit, die Ornamente werden reicher, und zu Anfang des 20. Jahrhunderts wandern auch die deutschen Inschriften auf die Vorderseite, wo sie unter, dann über dem hebräischen Text stehen und diesen zu verdrängen beginnen. So erzählt der rechts des Eingangs gelegene Teil des Freudentaler Friedhofs vom Weg der örtlichen Juden in die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft hinein. Die linke Seite, eine Erweiterungsfläche, zeigt ein ganz anderes Bild: Sie ist zu vier Fünfteln unbelegt, nur hinten, zur Mauer hin, stehen ein paar Steine. In fast allen früheren Judendörfern hören die Bestattungen irgendwann zwischen 1933 und 1941 auf, in Freudental 1936. Im November 1940 wurde noch die Asche der in Grafeneck ermordeten Sara Stein hier bestattet, der am 28. Februar 1941 verstorbenen Sofie Jordan konnte bereits kein Stein mehr gesetzt werden.
Jüdische Friedhöfe in Deutschland erinnern so an jüdisches Leben in Deutschland. Sie sind, anders als die KZ-Friedhöfe, Zeugnisse dieses Lebens – und zugleich sind sie Zeugen seiner Vernichtung, erzählen durch ihre Leerstelle von Deportation und Massenmord, von jenen, denen man kein Grab mehr gönnte. Wer jüdische Gräber schändet, denkt den darin Bestatteten posthum das gleiche Schicksal zu – die Anonymität der Vernichtung. Dagegen sind die KZ-Friedhöfe Dokumente des Massenmords selbst. Antisemitische Friedhofsschänder mögen sich seiner nicht bewusst sein, aber sie kennen den Unterschied: Der Zwang, Gräber nicht nur zu verwüsten, sondern sie durch neonazistische Schmierereien zum Schauplatz eines inszenierten Rechtsextremismus’ zu machen und damit symbolisch umzubesetzen, ist auf KZ-Friedhöfen ausgeprägter als auf den Friedhöfen der erloschenen jüdischen Gemeinden. So soll auch in Deutschland zu Ende geführt werden, was die osteuropäischen Mordfabriken der Nazis leisteten – die Auslöschung der Opfer über ihren Tod hinaus. Fast muss es einen deshalb erstaunen, dass die Täter des 1. Oktober die drei jüngsten Grabsteine auf dem Freudentaler Friedhof übersehen haben. Sie erinnern an zwei polnische Juden, die 1945 und 1946 in einem örtlichen Pflegeheim den Spätfolgen ihrer Haft im KZ Vaihingen erlagen, sowie an den aus Freudental stammenden Unternehmer und Schriftsteller Julius Marx. Er hatte die NS-Diktatur im Züricher Exil überlebt und wurde 1970 auf eigenen Wunsch in seinem geliebten Heimatdorf beigesetzt. Diese drei Grabsteine der Nachkriegsjahre sind die einzigen in Freudental, die keinen hebräischen Buchstaben mehr tragen.
III
Das Bundeskriminalamt hat 2006 insgesamt 29 Schändungen jüdischer Friedhöfe gezählt, im ersten Halbjahr 2007 waren es 15. Allein in Baden-Württemberg wurden von Januar bis Oktober 2007 sieben „politisch motivierte“ Angriffe auf jüdische Gräber registriert, der von Anfang August in Freudental ist darin nicht enthalten. Gegenüber den Vorjahren bedeutet dies auf Landesebene einen Anstieg, aber keinen traurigen Rekord. Seit 1997 wurden über 50 Anschläge auf die 160 jüdischen Friedhöfe und KZ-Gedenkstätten im Südwesten verübt, neun allein 2002, im Jahr 1990 sogar mindestens 16. Betrachtet man Zahlen, Zeiträume, Tatorte und öffentliche Reaktionen (oder deren Ausbleiben) etwas genauer, macht man rasch vier Beobachtungen. Erstens: Antisemitische Friedhofsschändungen verlaufen in Wellen, die regelmäßig auch den Landkreis Ludwigsburg betroffen haben. Zweitens: Schändungen jüdischer Friedhöfe finden auch dann Nachahmer, wenn sie öffentlich nicht bekannt, sondern nur intern kommuniziert werden. In der Regel ereignen sich die Nachahmungen in regionaler Nähe, oft bedeuten sie eine Eskalation. Drittens: Jede Schändung markiert einen Friedhof als Ziel weiterer Anschläge. Viertens: Schändungen jüdischer Friedhöfe sind auch dann antisemitisch codiert, wenn sie ohne Hakenkreuz-Schmierereien und neonazistische Parolen auskommen. Häufig gilt: Das Datum ist die Botschaft!
IV
Zehn Tage nach der Auflösung der DDR, in der Nacht auf den 14. Oktober 1990, drangen Unbekannte in die KZ-Friedhöfe von Vaihingen und Unterriexingen ein. Im bereits 1985 geschändeten Unterriexinger Friedhof, wo 250 Opfer des örtlichen Lagers beigesetzt sind, wurden Treppenstufen herausgerissen und zu einem großen Hakenkreuz zusammengelegt. Auf den zentralen Gedenkstein wurden Hakenkreuz, SS-Runen, das unter Neonazis verbreitete Keltenkreuz und der an einem Galgen hängende Davidstern gesprayt. In Vaihingen, wo 1267 Opfer des Kleinglattbacher KZ „Wiesengrund“ ruhen, besprühten die Täter 138 Steine mit Hakenkreuzen, einfachen und doppelten Sig-Runen, mehrere wurden umgestoßen und beschmiert, einige wie in Unterriexingen als großes Hakenkreuz ausgelegt.
Schon in den Monaten davor waren in Baden-Württemberg 14 Schändungen jüdischer Friedhöfe gemeldet worden, darunter in Remseck-Hochberg. Der dortige Friedhof wurde von 1795 bis 1925 benutzt, seine Belegung war somit schon vor 1933 zu Ende gegangen. Nun waren sechs der 246 erhaltenen Grabsteine umgestoßen und teilweise erheblich beschädigt, aber nicht mit Graffiti versehen worden. An die große Glocke gehängt hat den in Remseck inzwischen so gut wie vergessenen Vorfall seinerzeit niemand. Denn trotz einer Häufung antisemitischer Schändungen und der zeitlichen Nähe zu anderen Anschlägen auf jüdische Gräber und Gedenkstätten – etwa in Hechingen, Bad Cannstatt und Tübingen – vermutete die Polizei keine politischen Hintergründe. Vielmehr sprächen, so der damalige Polizeibericht, am Tatort gefundene Scherben von Bierflaschen dafür, dass auf dem Friedhof ein Zechgelage abgehalten worden sei.
Die schwerwiegendste Schändung des Sommer 1990 ließ freilich keinen Zweifel an Gesinnung und Motiven der Täter zu: Im August rissen Unbekannte auf dem jüdischen Friedhof von Ihringen 177 von 200 Grabsteinen um, zertrümmerten sie teilweise und versahen viele mit antisemitischen Graffiti und Schmähungen. Diese barbarische Schändung erregte bundesweit Aufsehen und dürfte in der rechtsextremen Szene als zur Nachahmung anstiftende „Propaganda der Tat“ verstanden worden sein. Nur wenige Monate später wurde der Ihringer Friedhof erneut Ziel eines antisemitischen Überfalls: Durchs Grab des letzten jüdischen Gemeindevorstehers des Winzerdorfs am Kaiserstuhl war ein zwei Meter langer, rot angestrichener Pflock getrieben worden. Der Liedermacher Walter Mossmann interpretierte dieses Verbrechen vor dem Hintergrund des alten antisemitischen Klischees vom „jüdischen Blutsauger“ als symbolische Pfählung eines „Vampirs“.
Im Gegensatz zu den Gewalttätern von Ihringen wurden die von Vaihingen und Unterriexingen nach vier Tagen gefasst: Es handelte sich um vier aus der Gegend stammende junge Leute im Alter von 16 bis 21 Jahren. Der Anführer bezeichnete sich als „Judenhasser“ und Bewunderer des Holocaust-Leugners David Irving. Gefasst und überführt wurden auch drei junge Leute, die am 24. Juli 2002 den Freudentaler Friedhof schändeten. Die Täter kamen aus Freudental und Umgebung, mindestens einer von ihnen war fest in rechtsextremem Gedankengut verankert. Die Tat selbst wurde erst mit großer Verspätung bekannt. Denn es waren keine Schmierereien hinterlassen, sondern „nur“ drei Grabsteine umgeworfen worden. Für einen politischen Hintergrund gab es demnach keine konkreten Hinweise. Auch als im Juli 2003 der Vaihinger KZ-Friedhof erneut Ziel eines Anschlags wurde, wollte sich die Polizei nicht auf politische Motive festlegen. Schließlich war auf die Gedenktafel am Eingang neben Hakenkreuz und SS-Zeichen auch ein fünfzackiger Stern gesprüht worden, der kein schief gegangener Davidstern sein musste, sondern auch das Pentagramm von Satanisten sein konnte. Schon im August 2003 wurde die Gedenkstätte abermals geschändet, ebenso im Juli und November 2005.
V
Nach wie vor gerät die Hypothese, dass jüdische Friedhöfe auch ohne antisemitische Absicht geschändet werden könnten, zur Regelvermutung der Behörden, wenn materielle Hinweise auf einen rechtsextremistischen Täterkreis fehlen. Das war nach der Schändung des 24. Februar 2007 im fränkischen Diespeck so, deren Urheber 63 Grabsteine umgeworfen und dabei 40 zerbrochen hatten. Und es wiederholte sich Anfang Juni 2007, als im von Diespeck nicht weit entfernten Aschbach abermals 49 Grabsteine umgestoßen und teilweise zerschlagen wurden. Doch die flugs verbreitete Theorie vom „unpolitischen Einzelfall“ ließ sich nicht aufrechterhalten: In beiden Fällen wurden schon nach wenigen Tagen Jugendliche aus der fränkischen Neonazi-Szene als Tatverdächtige dingfest gemacht. Selbst beim jüngsten Anschlag auf den auch nach 1945 mehrfach geschändeten, ältesten jüdischen Friedhof Europas, den auch nach 1945 mehrfach geschändeten Heiligen Sand in Worms, klassifizierte im Frühjahr 2006 der dortige Polizeichef das Umreißen von 15 Grabsteinen als „Dummejungenstreich ohne politischen Hintergrund“; die städtische Friedhofsverwaltung riet dringend davon ab, die Schändung öffentlich zu thematisieren: Das gäbe „Rechtsradikalen genau die Bühne, die sie wollen“. Ein Argument, das freilich fest mit jenem politischen Hintergrund rechnet, den der Polizeichef in Abrede gestellt hatte, und für den vor allem das Datum der Tat sprach: Sie geschah – wie ein Jahr zuvor im Wormser Stadtteil Pfeddersheim – in der Nacht auf den 19. April, einen Tag vor Hitlers Geburtstag.
VI
Das Datum ist die Botschaft! Das gilt mit Sicherheit auch für die Schändung in Vaihingen am 8. November 2005, rechtzeitig zum Jahrestag des Hitler-Ludendorff-Putschs von 1923 und des Novemberpogroms von 1938. Und es gilt regelmäßig für antisemitische Angriffe, die sich in erkennbarer zeitlicher Nähe zum zweiten Heldengedenktag der Neonazis ereignen, dem Todestag von Rudolf Heß. Am 17. August 2007 jährte sich der Selbstmord des „Führer-Stellvertreters“ zum 20. Mal. Zwei Tage nach diesem „Jubiläum“ wurden auf dem bereits mehrfach geschändeten jüdischen Friedhof von Heilbronn-Sontheim acht Steine umgestoßen und dabei eine Grabplatte zertrümmert. Obwohl überdies ein Stein und eine Sitzbank mit seitenverkehrten Hakenkreuzen beschmiert worden waren, konnte die Polizei keine eindeutigen Hinweise auf mögliche politische Hintergründe erkennen. Sie hielt unpolitische Rowdys für die wahrscheinlicheren Täter. Das Innenministerium stufte den Fall – wie sämtliche Vaihinger Schändungen – später anders ein: als Werk von Rechtsextremisten. Vermutlich ganz verschwiegen hätte die Polizeidirektion Ludwigsburg eine weitere Schändung in Freudental, die ihr am 14. August 2007 angezeigt worden war. Irgendwann in den ersten beiden Augustwochen waren auf dem jüdischen Friedhof – wo man die Schäden der Schändung von 2002 noch immer nicht vollständig beseitigt hatte – erneut fünf Grabsteine umgerissen, aber nicht beschmiert worden. Öffentlich bekannt wurde das aber erst, als es sich nicht mehr verheimlichen ließ: nach den verheerenden Verwüstungen des 1. Oktober. Dabei hatte sich in Ihringen bereits am 12. August – und damit zur Wiederkehr des Datums sowohl des Heß-Selbstmords als auch der Exzesse des Jahres 1990 – ein abermals als neonazistisches Fanal tauglicher Anschlag ereignet, bei dem 79 Grabsteine umgestoßen worden waren. Die Täter suchte man am Kaiserstuhl sofort in der Neonazi-Szene, obwohl sie keine Schmierereien hinterlassen hatten. Die Annahme erwies sich als richtig, schnell wurden vier alsbald geständige Rechtsextremisten im Alter von 15 bis 28 Jahren verhaftet.
Ein Teil der Botschaft ist auch im Fall der Freudentaler Verwüstung vom 1. Oktober das Datum: Sie ereignete sich unmittelbar vor dem Tag der deutschen Einheit. Das legt nahe, dass dieser brutale Anschlag vor dem 3. Oktober entdeckt werden sollte und als Mitteilung an „die Nation“ gedacht war, während sich Schändungen zu Hitlers Geburtstag oder zum Todestag seines Stellvertreters in ihrem Verzicht auf inszenatorischen Aufwand durchaus als interne Grußadressen der Szene „lesen“ lassen. Deshalb mussten die Täter von Freudental eine für jedermann verständliche Sprache sprechen. 73 umgestoßene und 37 mit neonazistischen Graffiti und Schmähworten besprühte Grabsteine sowie antisemitische Parolen an Mauer und Leichenwaschhaus besorgten das so gründlich, dass die Ludwigsburger Polizei diesmal ohne Zögern „von einem rechtsgerichteten Hintergrund“ ausging.
VII
Fast so sehr wie die Rohheit der Schändung des 1. Oktober springt deren auf einen Blick fassbarer „Bildcharakter“ ins Auge. Insbesondere die Steine der ersten drei Grabreihen wurden von einem zwei- bis dreiköpfigen „Abräumkommando“ systematisch umgestoßen, um freie Sicht auf die Graffiti im hinteren Friedhofsbereich zu schaffen: Die zurückliegenden, älteren Grabreihen sollten regelrecht zu einer Galerie für antisemitische Streetart umfunktioniert werden. Neben einer Vielzahl von Hakenkreuzen und einfachen sowie doppelten Sig-Runen sowie dem einmal vorkommenden Keltenkreuz fallen zwei Graffiti besonders auf: Erstens eine eher schlichte „Fassung“ des von Neonazis selten verwendeten und in der Szene wohl auch wenig bekannten Zivilemblems der SA, dessen Freudentaler Variante von ferne an den Kopf eines (Wer-)Wolfs gemahnt, zweitens eine Hakenkreuz-ähnliche Kombination von Sig- und Pfeilrune, die sich sowohl an ein aus der Hausbesetzerszene bekanntes, linkes Symbol als auch an ein Logo der bei Rechtsradikalen beliebten Kleidermarke Thor Steinar anlehnt.
Beide Graffiti lassen auf ideologisch „geschulte“ Täter schließen und könnten die Funktion individueller Sprayer-Signets erfüllen. Dazu würde passen, dass sich auf den besprühten Grabsteinen neben anfängerhaften Schmierereien die Handschriften von vermutlich zwei versierteren, aber unterschiedlich geschickten Sprayern ablesen lassen. Die kalte Zielgerichtetheit und Unaufgeregtheit ihres Vorgehens wird am formalen Gespür für Standort und Beschaffenheit etlicher besprühter Grabsteine ebenso sichtbar wie an einer makabren Liebe zum Detail: Das Initial des meterlangen Schriftzugs „Auschwitzlügner“ an der Außenmauer ist als doppeltes AH-Monogramm gestaltet, über der Wortmitte prangt am Stamm eines hinter der Mauer stehenden Baumes in perfekter Symmetrie das Hakenkreuz.
VIII
Inzwischen sind in Freudentaler die Spuren der Tat getilgt, die Täter aber sind noch auf freiem Fuß. Ihre Botschaft ist indessen so deutlich, dass sie Teile der Neuen Rechten in taktische Not zu bringen scheint. Verantwortlich für die Schändung des 1. Oktober, heißt es auf einschlägigen Internet-Seiten, seien keine Rechtsradikalen, sondern Moslems. Für einen als „Karl Martell“ auftretenden Blogger muss als Zeuge dieser Verschwörungstheorie der Historiker Michael Wolffsohn herhalten, der auf die unheilige Allianz von Neonazis und Islamisten hingewiesen habe. Offenbar entgangen ist diesem virtuelle Retter des Abendlandes vor dem Islam, dass sich unter den 51 vom Innenministerium aufgelisteten und als politisch motiviert eingestuften Schändungen jüdischer Friedhöfe im Südwesten seit 1997 tatsächlich ein einziger Stein befand, der mit dem Kürzel der Islamischen Heilsfront (FIS) besprüht war. Im übrigen gibt sich „Karl Martell“ als Freund Israels. Ohne Juden kommen sie einfach nicht aus, unsere Herrenmenschen. Am Ende werden ihre Laufburschen noch im jüdischen Auftrag unterwegs gewesen sein. Oder doch bloß „dumme Jungen“.
© 12.12.2008 beim P.K.C. Freudental e.V., Strombergstraße 19, 74392 Freudental
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