Der Freudentaler Hochzeitsstein

Einen Bogenstein mit Stern und Zeichen fand man 1984 bei der Restaurierung der Freudentaler Synagoge eher zufällig. Neben dem Eingang im Torbogen war dieser Stein durch Mauerputz verdeckt.

Nach der Zerstörung im November 1938 wurde das Gotteshaus der jüdischen Gemeinde von den übrigen Dorfbewohnern als Turnhalle, Pferdestall und Lagerhalle benützt. Da der kunstvoll gestaltete Stein an dem Portal weithin sichtbar war, störte er die neuen Besitzer, die ihn deshalb mit Zement und Gips verschmierten. Im Verborgenen hat der Stein jene Zeit überdauert, in der Menschen drangsaliert, vertrieben und deportiert, Grabsteine geschändet und das Gotteshaus verwüstet wurde. Danach hat sich niemand mehr an ihn erinnert.

Ein Stern mit sechs Strahlen ist umgeben von zehn hebräischen Buchstaben. Sie werden von rechts nach links gelesen, entsprechend der hebräischen Schrift.

Die Anfangsbuchstaben der einzelnen Worte bedeuten:

Dieser Text ist einer der sieben Segenswünsche für das Brautpaar. Er wird am Schluss der Trauung von den Anwesenden gesprochen und bezieht sich auf die Bibelstelle Jeremias 7,34. Es ist zum Brauch geworden, das leere Glas, aus dem während der Hochzeitszeremonie Wein getrunken wird, nach diesem Segensspruch auf dem Boden zu zerschmettern. Dies geschieht zum Andenken an den in Jerusalem verwüsteten Tempels und zur Erinnerung an die Sterblichkeit des Menschen.

Eher volkstümlich ist die Deutung: Glück ist zerbrechlich wie Glas.

Danach rufen alle mit lauter Stimme: masal tow, das heißt "gut Glück". Dies ist der zeremonielle Abschluss der Vermählung. Da nach jüdischer Tradition den Frauen der Zutritt in den Hauptraum der Synagoge nicht gestattet war, wurde die Zeremonie direkt vor dem Eingang zur Synagoge abgehalten. In Süddeutschland warf man das Glas wohl an einen an der Synagoge befindlichen Stein mit Stern.

Das hebräische Wort masal bedeutet ursprünglich "gutes Zeichen" - wie Sternzeichen oder Glücksstern. Sterne sind Kennzeichen des Ewigen und symbolisieren das Unsterbliche. Sterne gehorchen nach der Auffassung der Tora dem Willen Gottes. Das Motiv des Freudentaler Hochzeitssteins ist ein Glücksstern mit sechs gleichmäßigen Strahlen. Dieses geometrische Grundmuster ist auch das Synonym für die Lilie, in der sich alles sechsfach entfaltet. Sie ist ein Symbol der Schönheit, der Fruchtbarkeit und des Reichtums. "Ich bin eine Narzisse in Sharon, eine Lilie im Tal. Wie eine Lilie der Täler, wie eine Lilie inmitten von Dornen, so ist meine Freundin unter den Mädchen" - Liebeslyrik, die dem großen König Salomon zugeschrieben wird und Eingang gefunden hat in die hebräische Bibel im Hohen Lied der Liebe.

"Ich will für Israel werden wie der Tau: Blühen soll es wie eine Lilie und Wurzeln schlagen wie die Zedern des Libanon" - spricht der große Prophet der sozialen Gerechtigkeit, Hosea (Hosea 14,6).

Verbindet man die nach unten stehenden Strahlen links und rechts miteinander und jeweils mit dem Strahl, der nach oben zeigt, erhält man ein gleichseitiges Dreieck, ebenso ein Dreieck nach unten. Die Lilie ist ein geometrisches Grundmuster für den Stern Davids. Schon die Kabbalisten vor zweitausend Jahren haben damit das Wesen des Judentums und das Prinzip göttlicher Schöpfung beschrieben. Das Dreieck nach oben symbolisiert den Himmel, das Dreieck nach unten die Erde. Das Gegenüber, das Andere, das Fremde ist ein Teil des Ganzen. Der Gaon von Wilna lehrte: Die von Gott dem Menschen gestellte Aufgabe besteht darin, das Gegenüber zu erkennen. Himmel und Erde, Tag und Nacht, Mann und Frau, die jetzige und die zukünftige Welt: sie umspannen alle Tage eines Menschenlebens.

Saint-Exupéry sagt in seiner Geschichte vom Kleinen Prinzen: "Nur mit dem Herzen sieht man gut." Das geschlossene Auge, nach innen gerichtet, um das Wesen der Dinge zu erkennen. Das geöffnete Auge, der Schönheit der Schöpfung zugewandt, um sich an ihr zu erfreuen.

Marc Chagall, einer der großen Künstler unseres Jahrhunderts, hat die Gesichter von Menschen oft gemalt mit einem geschlossenen und einem offenen Auge. Auf der einen Seite das Auge der Lust und des Jubels, auf der andern das Auge der Freude und der Glückseligkeit. Sie entsprechen den Zeichen auf dem Freudentaler Hochzeitsstein und leihen dem Bräutigam und der Braut ihre Stimme.