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Dorothea Margenfeld



Dorothea Margenfeld

Grußwort beim Stiftungsfest am 3. Februar 2008

Verehrte, liebe Gäste jeglicher Würde und Ehre,

herzlich willkommen zum Stiftungsfest des Pädagogisch-Kulturellen Centrums Ehemalige Synagoge Freudental.

Murat Rena hat uns musikalisch begrüßt. Wir erleben ihn später noch einmal am Klavier und am Schluss mit der Violine, begleitet von Agata Holdyk. Ihnen beiden schon jetzt herzlichen Dank!

Die Stiftungsrede wird Frank Otfried July halten, der Bischof der Evang. Landeskirche in Württemberg. Wir heißen Sie herzlich willkommen, lieber Herr Landesbischof - hier im PKC und in der Gemeinde Freudental - da spreche ich sicher auch für Bürgermeisterin Dorothea Bachmann und Pfarrer Andreas Kaiser.

Von einem jüdischen Rabbi wird erzählt, dass er zu Beginn eines jeden Tages vor die Tür seines Hauses trat und laut ausrief: "Ganz Israel einen guten Morgen!" Diesen schönen Gruß möchte ich erweitern: "Ganz Israel ein gutes Jahr!" Aber nicht nur in die Zeit, auch in den Raum hinein will ich ihn erweitern und sagen: ganz Israel und Palästina ein gutes Jahr, dem Osten und dem Westen Jerusalems, dem Land diesseits und jenseits der Mauer, dem Negev und dem Oberen Galiläa, dem Gazastreifen und dem Westjordanland. Auch Syrien und Jordanien, auch dem Libanon, dem Sinai und Ägypten ein gutes Jahr!

Doch man wagt es ja kaum, so große Wünsche überhaupt auszusprechen, denn die Realität gibt wenig Anlass zu großen Friedenshoffnungen.

Ich habe diese Woche das neue Buch des Exiliraners Bahman Nirumand gelesen mit dem Titel: "Der unerklärte Weltkrieg. Akteure und Interessen in Nah-und Mittelost." In seinem einleitenden Überblick stellt Nirumand fest: "Die Situation ist ausweglos verfangen".

Aber dann führt er trotzdem fort mit einer Vision. Er sagt: weil keiner der Akteure auf Dauer gegen die anderen gewinnen kann, wird es einen nachhaltigen Frieden im Nahen Osten nur geben, wenn es gelingt, alle Konfliktparteien an einen Tisch zu bringen und die verschiedenen Konfliktpotentiale konzertiert in Angriff zu nehmen. Da dürfen dann auch Afghanistan, Pakistan und Saudi-Arabien nicht fehlen. Die Region kann nur zur Ruhe kommen, wenn alle Beteiligten - einschließlich Russland, der USA und der EU - ihre Interessen offen legen und gemeinsam nach einem Ausgleich suchen.

Ich denke, wir müssen alle an dieser Vision festhalten. Es gibt zum Frieden keine Alternative.

Die ehemalige Synagoge Freudental ist kein Ort der großen Weltpolitik, aber sie ist mit dem Pädagogisch-Kulturellen Centrum ein Ort der konkreten kleinen Schritte, ein Ort des Lernens, der Begegnung und des Gesprächs. "Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Schritte tun, können sie das Gesicht der Erde verändern." Von dieser Hoffnung beflügelt und durch gute Erfahrungen immer wieder bestärkt setzen wir unsere Arbeit fort. Die Studienreisen dieses Jahres nach Israel, nach Syrien und Jordanien, nach Ägypten und in die Türkei, sind solche konkreten Schritte, in denen viele einzelne Menschen aufeinander zugehen, um stückweise, fragmentarisch die Vision vom Frieden wahr zu machen. Das geschieht nicht nur auf Reisen, sondern auch hier bei uns. Da leidet z.B. ein junger Auszubildender unter den vielen üblen Judenwitzen in seinem Stuttgarter Betrieb. Er erinnert sich, dass es das PKC gibt und wird aktiv. So kommt es zusammen mit diesem Betrieb zu einem neuen Lern- und Erfahrungsprogramm. Das Land ist daran interessiert und gibt einen Zuschuss. Oder eine Freudentaler Jungscharleiterin fragt an, ob sie mit ihrer Gruppe eine Sabbatfeier in der ehemaligen Synagoge erleben und feiern kann. Ludwig Bez gibt eine Einführung in die Feier und begleitet die Gruppe. Kleine Schritte nur, aber sie verändern den Blick füreinander, sie verändern das Gesicht der Erde.

Aber noch zu etwas anderem: es ist manchmal gar nicht leicht, mit einem große Reichtum richtig umzugehen. Wir haben im PKC ein Reichtumsproblem! Nicht weil wir eine überraschende Erbschaft gemacht hätten oder bei Günter Jauch zum Millionär geworden wären, sondern schlicht und einfach, weil wir so viele Freunde und Freundinnen haben. Jedes Jahr beim Stiftungsfest wird dieser Reichtum für uns zum Problem. Dann wird es mehr als eng in der Synagoge. Auch wenn wir die Frauenempore extra mit Podesten ausstatten und bestuhlen, haben wir in der Synagoge insgesamt nur 200 Plätze. Und wir hätten sicher an die 500 Anmeldungen haben können, wenn die Geschäftsstelle nicht bereits im Dezember die Notbremse gezogen hätte. Diese Verbundenheit mit dem PKC freut uns sehr, denn Sie alle sind für uns das PKC: die 300 eingetragenen Mitglieder, die treuen Förderer und großzügigen Spender und auch alle, die lediglich zu unsern Veranstaltungen kommen oder an Studienreisen teilnehmen. Beim Schreiben der vielen Absagen entstanden in der Geschäftsstelle allerlei Ideen, nicht ganz ernst gemeinte, wie Sie gleich sehen können:

1. Sie werden einfach alle Mitglieder! (Damit ist allerdings das Raumproblem nicht gelöst!)
2. Sie spenden noch großzügiger als bisher, um in der Rubrik der Förderer und Sponsoren einen sicheren Platz zu finden.
3. Wir bieten das Jahr über bei allen Veranstaltungen Bonuspunkte für die Teilnahme am Stiftungsfest an!
4. Es werden Platzkarten für das Stiftungsfest zu Gunsten des PKC meistbietend oder amerikanisch versteigert!
Weitere Vorschläge, auch ernst gemeinte, sind willkommen

Ich soll kein Loblied singen, hat man mir von der Geschäftsstelle gesagt. Aber es kann schließlich nicht ungesagt bleiben, dass Ludwig Bez und Isolde Siegers, die beiden Hauptamtlichen im PKC, wieder ein Jahr lang ideenreich und unermüdlich tätig gewesen sind, weit über ihr Deputat hinaus. Und dass viele Ehrenamtliche sie dabei kräftig unterstützt haben, bis hin zum Kuratorium und zum Vorstand. Und auch dies kann schließlich nicht ungesagt bleiben, dass wir im vergangenen Jahr wieder von vielen Seiten gefördert wurden, vom Landkreis und vom Land, von der Wüstenrot-Stiftung und der Kreissparkasse und von vielen einzelnen Spenderinnen und Spendern. Ihnen allen ein großes gemeinsames Danke!

Ich komme zum Schluss.

Wenn ich die Bilder des vergangenen Jahres an mir vorüberziehen lasse, dann sind da immer wieder die unvergesslichen Eindrücke vom geschändeten jüdischen Friedhof, vom Schweigemarsch und den angezündeten Kerzen, vom gesungenen Abendgebet jüdischer Gemeindeglieder inmitten umgestürzter Grabsteine und böser Schmierereien.

Ich denke dabei auch an das, was Sie, Herr Dr. Haas, bei der Gedenkveranstaltung mit Ministerpräsident Günther Oettinger erzählten. Sie sagten: die erste Reaktion von Aharon Valency, als Sie ihm telefonisch von der Schändung des Friedhofs berichteten, sei die Frage gewesen: "Was kann ich für euch tun?" Und dann kam er am 18. November einfach selber, der Landrat vom Oberen Galiläa. Ein starkes Signal der Freundschaft und der Solidarität.

Auch von Ihnen, Herr Landesbischof, haben wir ein solches Zeichen der Solidarität empfangen. Nach der Schändung im Oktober fragten Sie bei uns an, ob Sie einen Aufruf des PKC mit unterschreiben könnten oder eher eine eigene Stellungnahme herausgeben sollten. Wir haben uns dann für ein anderes Zeichen entschieden und so sind auch Sie jetzt - wie Aharon Valency - persönlich gekommen und wir freuen uns darüber sehr.

Ich möchte der Stiftungsrede des Bischofs und christlichen Theologen ein Wort des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber vorausschicken.

Bei einem Seminar für Juden und Christen hat Martin Buber folgendes gesagt - und ich denke, er sagte es augenzwinkernd:

"Ihr Christen glaubt, dass der Messias schon gekommen ist und dass er wiederkommen wird. Wir Juden glauben, dass er kommen wird, aber noch nicht gekommen ist. Mein Vorschlag: warten wir, bis er kommt, dann können wir ihn ja fragen, ob er schon einmal hier gewesen ist. Und ich werde ihn beiseite nehmen und ihm zuflüstern: "Sag's nicht!"

Warum soll der Messias nichts sagen? Ganz einfach: damit sich unsere irdische Rechthaberei nicht auch im Himmel noch fortsetzt. Und damit wir neugierig bleiben nicht nur auf den Messias, sondern auch aufeinander.
Bleiben wir also auch im neuen Jahr dem Geist des offenen Dialogs und des gegenseitigen Respekts verpflichtet. Freuen wir uns am gemeinsamen Reichtum und bestärken wir uns in gemeinsamer Hoffnung.
Dann wird es ein gutes Jahr.

Dorothea Margenfeld



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© 2008 beim P.K.C. Freudental e.V., Strombergstraße 19, 74392 Freudental