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David Bernard Rubin


Bericht über den Besuch in Freudental am 14. Oktober 2006

von David Bernard Rubin, Ann Arbor, Michigan
geboren 1949 in Chicago, Mi USA
Sohn von Margot Rubin, geb. Stein, in Freudental (1923 - 2003)
Tochter von Julius Stein, Viehhändler in Freudental

David Rubin am Stutendenkmal

"Sei pünktlich", das waren zwei der wenigen deutschen Wörter, die er von seinem Großvater Julius Stein gelernt hat. Deshalb ist er auch eine Stunde früher, wie verabredet, am Stuttgarter Bahnhof und wartet ungeduldig auf die Weiterfahrt nach Freudental.

Sein fünf Jahre jüngerer Bruder Marc, der heute in Rosh Pina im Oberen Galiläa in Israel lebt, war bisher der einzige in der Familie, der nach der Flucht der Großeltern und seiner Mutter 1939, wieder in die Stromberggemeinde vor über 20 Jahren zu einer Visite zurückkehrte. "Eigentlich war es kein Besuch, er ging zum Friedhof, suchte die Gräber seiner Vorfahren, übernachtete auf der freien Grasfläche neben dem Grab des Urgroßvaters, ging aber nicht in das Dorf. Er wollte so schnell wie möglich wieder weg," erklärt David Rubin.

Er ist auf der Durchreise. Böhringer Ingelheim ist das Ziel seiner geschäftlichen Mission. Als Lungenexperte führt er Verhandlungen für einen amerikanischen Konzern mit dem deutschen Unternehmen. Von Freudental weiß er sehr wenig, weder seine Mutter Margot, noch sein Großvater Julius haben über das Leben der Familie in Freudental erzählt.

Gebannt folgt er dem Interview seiner Mutter, das eine Schülergruppe des Christoph-Schrempf-Gymnasiums in Besigheim zusammen mit der Video-AG der Jörg-Rathgeb-Schule Neugereut im Sommer 1997 geführt hat. Sie steht auf dem Balkon ihrer Wohnung in Ber Sheva (Israel) und erzählt über ihre Jugend in Freudental: das harmonische Leben im Dorf, über ihre beste Freundin, die nach den Rassegesetzen 1935 von heute auf morgen nicht mehr auf Besuch kommen durfte, über die Vorgänge am 10. November 1938, als ihr Haus geplündert wurde, die Flucht und Vertreibung nach der Rückkehr des Vaters aus dem Konzentrationslager im Frühjahr 1939.

Er überquert den Hof der Synagoge und geht hinüber zur ehemaligen jüdischen Schule, seinem Elternhaus. Die heutigen Bewohner, muslimische Familien aus der Türkei, lächeln ihm freundlich entgegen und heißen ihn willkommen. Sie sind neugierig und wollen wissen, was den Amerikaner in ihr Haus führt. Er erzählt, dass hier seine Großeltern eine von den 13 Thorarollen gerettet haben, die anderen wurden später auf dem Sportplatz verbrannt. Sein Großvater Julius musste hier alles zurück lassen, außer dem Fluchtgepäck in zwei Koffern verstaut. Die stehen heute auf dem Dachboden seines Hauses in Ann Arbor und mit seiner Frau hat er vereinbart, dass sie den beiden ältesten Töchtern übergeben werden.

Und er erzählt vom Eisernen Kreuz, das sein Großvater als Auszeichnung für die Tapferkeit vor dem Feind im Ersten Weltkrieg als deutscher Soldat erhalten hat. Später hat er es ihm mit Stolz zur Aufbewahrung übergeben.

Auf dem Rathausvorplatz stehen zwei Gedenksteine mit den Namen der jüdischen Bürger Freudentals. Auf Pergamentpapier macht er mit einem roten Wachsstift einen Abrieb der Namen seiner Familie: "Es ist für meine Kinder und für mich zur Erinnerung." Er geht zurück zur Synagoge, stellt eine Kerze in die Nische des leeren Thoraschreins, entzündet das Licht und spricht das Kaddisch, das Totengebet, eines der ältesten Gebete der jüdische Liturgie: "Erhöht und geheiligt werde sein großer Name in der Welt, die er geschaffen hat nach seinem Willen ..."

Am Grabe seiner Vorfahren


Auf dem Weg zum Jüdischen Friedhof kommen wir am Grabstein der Stute Helene vorbei. Er lächelt und sagt: "Was hat wohl meine Mutter gedacht, als sie an diesem Stein vorbei ging und den Namen Helene gelesen hat, denn ihre Mutter hieß doch auch Helene und wie es das Schicksal will, meine Tochter auch." Wir gehen hinauf zum "Hain der Buchen", dem Haus des Lebens, dem ewigen Ruheplatz der Urgroßeltern. Er fühlt sich verbunden mit den Seinen, die hier liegen oder vorausgeschickt wurden, wie seine Tante Hannchen Stein, ermordet in Theresienstadt. Lange wandelt er durch die Reihen, liest die Inschriften auf den Steinen und zählt die Gräber vieler Generationen seiner Familie.

"Sag a mol, you are at home", so hat sein Großvater Julius immer ein Gespräch begonnen, wenn er mit ihm in Chicago telefoniert hat. Dieser schwäbische Dickschädel hat ihn auch einen "Schlappschwanz" genannt, wenn er nicht im Sinne des Großvaters "zäh war, wie Leder." "Zum ersten Mal fühle ich was es heißt, zu Hause zu sein. Ich bin ein Freudentaler Jude. Sobald es mir möglich ist, komme ich wieder, aber heute fahre ich weiter nach Wiesbaden. Morgen habe ich meinen geschäftlichen Termin und ich möchte rechtzeitig dort sein. Denn mein Großvater hat gesagt: "Sei pünktlich."

Freudental 19. Oktober 2006
Ludwig Bez
Leiter





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